"Schnitti" mag es makaber

Die angehende Mediengestalterin Marcia Kemper ist querschnittsgelähmt. Als ihr Gesprächspartner erlebt man viele Momente zwischen Erstaunen und Verblüffung.

Unter dem Namen „Schnitti“ bloggt Marcia Kemper im Internet. „Schnitti“ kommt von Querschnitt“, sagt die junge Frau, die von den Schultern abwärts querschnittsgelähmt ist. Angesichts dieser Erklärung stutzt man als Gesprächspartner, denkt sofort an ihre schwere Behinderung. Doch bevor die eigenen Gedanken endgültig sortiert sind, fügt die 20-Jährige lächelnd hinzu: „Ich mag es halt makaber…“ Wer mit Marcia Kemper spricht, erlebt viele solcher Momente zwischen Erstaunen und Verblüffung. Hier ein Gesprächsprotokoll.

Im Volmarsteiner Berufsbildungswerk macht Marcia Kemper eine Ausbildung zur Mediengestalterin. Derzeit baut sie für den Hagener Autobatterie-Hersteller Hawker (früher Varta) ein Internet-Stellenportal. Die Computer-Maus steuert sie mit dem Kinn, Maus-Klicks macht sie mit der rechten Schulter. So kann sie arbeiten – mit ihrer Querschnittslähmung!

Außergewöhnlich ist diese Geschichte aber nicht nur wegen ihrer Arbeitsweise, sondern auch aus einem anderen Grund, der nichts mit ihrer schweren Behinderung zu tun hat: Da baut eine angehende Mediengestalterin, die später selbst einen Job suchen wird, ein Internetportal, das Berufswünsche zu erfüllen hilft. Das hat schon was.

Auf keinen Fall möchte Marcia Kemper die Zeit zurückdrehen bis vor den Schicksalsschlag, der sie im Alter von elf Jahren getroffen hat. Als Teenager litt sie unter einer starken Wirbelsäulenverkrümmung, dauernd hatte sie Rückenschmerzen. Um eine schmerzfreie Zukunft zu haben, ließ sie sich operieren. Bei der Operation gab es schwere Komplikationen. Seitdem ist sie gelähmt, wird künstlich beatmet und deshalb 24 Stunden von einer Krankenschwester begleitet. „Wenn ich auf eine Zeitreise zurück gehen würde, geht eine Menge verloren – zum Beispiel Freunde oder Bekannte, die ich kennengelernt habe“ – so lautet wieder einer dieser erstaunlichen Sätze von Marcia Kemper.

Jede Menge Lebensfreude und Elan strahlt sie aus. Und sie lässt im Gespräch keinen Zweifel daran, dass sie mitten im Leben steht, und zwar mitten in ihrem Leben! In dem beschäftigt sie sich mit üblichen Themen einer 20-jährigen Frau – wie etwa Tattoos. Acht dieser tätowierten Kunstwerke trägt sie bereits am Körper. Und es sollen noch mehr werden, trotz der gut 900 Euro, die sie bislang schon in diese Kunst am Körper investiert hat.

Morgens lässt sie sich immer schminken und in ihrem Internetblog lifeofaschnittie.blogspot.de schreibt sie über Dinge des Alltags - was sie mag, was sie nicht mag. Beispiel Essen: „Ich liebe blutiges Fleisch.“ Über Musik und Fernsehen: „Obwohl ich DSDS mag, ist mir Dieter Bohlen unsympathisch.“ Thema Schuhmode: „Ich schaue mir total gerne an, wenn Frauen richtig gut auf Highheels laufen können. Selbst habe ich auch eine kleine Sammlung von hohen Schuhen.“ 

Zu Männern: „Mein theoretischer Mann hat die Statur eines Türstehers und ich mag keine Schönlinge. Für mich müssen Männer „dreckig“ sein.“

Marcia Kemper, die im Haus ihrer Eltern wohnt, besucht gerne das Theater. Kein Wunder, sie stammt schließlich aus einer Schauspieler-Familie. Und sie hat auch schon selbst auf der Bühne gestanden: Im Dortmunder „Theater im Depot“ hat sie bei der Produktion „Kein Stück über Liebe“ mitgespielt. Darin zeigen die Jugendlichen der jungen Tanztheaterwerkstatt des Theaters, wie sich die Geschlechterrollen verändert haben.

Im Gespräch über ihre Freizeitinteressen und Vorlieben kommt irgendwann auch ihre Behinderung zur Sprache, wie groß etwa ihr Zorn auf die damaligen Ärzte ist? Da erzählt Marcia Kemper von ihrem Vater. Von ihm hat sie gelernt, dass Menschen Fehler machen, auch weitreichende. Von ihrer Mutter, die den Kontakt zum Tanztheater hergestellt hat, weiß sie, dass es im Leben viele großartige Möglichkeiten für Menschen mit Behinderungen gibt. Und dann sagt sie wieder einen dieser Sätze, der den Zuhörer irgendwo zwischen Erstaunen und Verblüffung zurücklässt: „Es hätte mich schlimmer treffen können – zum Beispiel durch eine geistige Behinderung.“

- Abgesehen davon habe ich, durch meine Mutter, gelernt, dass es viel zu viele großartige Möglichkeiten für Menschen mit einer Behinderung gibt. (Sie hat den Kontakt zur Tanztheaterwerkstatt hergestellt.) 

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