Strahlendes Lachen als Ansporn

Die Mitarbeiter der Therapie-Abteilung der Oberlinschule kümmern sich um rund 250 Kinder mit teilweise schweren Behinderungen.

Nico ist acht Jahre alt. Er spielt gerne mit Autos. Und er mag besonders Schokolade und Nutellabrot. Der Junge, der so herrlich übers ganze Gesicht strahlen kann, besucht die Oberlinschule der Evangelischen Stiftung Volmarstein. Dort werden viele Kinder mit Schwerstmehrfachbehinderung gefördert – es sind Mädchen und Jungen wie Nico. Er kann nicht sprechen. Im Rollstuhl trägt er einen Gurt, um aufrecht sitzen zu können. Und er benötigt Hilfe, wenn er auf der Spielmatte liegt. Dort schafft er es mit Unterstützung, sich vom Rücken auf den Bauch zu drehen.

„Wir können Behinderungen nicht wegtherapieren, aber wir können die Selbstständigkeit der Kinder fördern und so ihre Lebensqualität verbessern“, sagt Andreas Suchy. Er ist therapeutischer Leiter für Förderung behinderter Menschen, ein Fachbereich der Therapiedienste Volmarstein. Dort arbeiten jeweils neun Physio- und Ergotherapeuten, die sich um Kinder wie Nico kümmern. Für einen Großteil der 250 Schüler sind Therapiestunden fester Bestandteil des Alltags an der Förderschule – und damit eine wichtige Ergänzung des Unterrichts, bei dem die Lehrer entsprechend der jeweiligen Behinderung auf die Kinder eingehen.

Nicos Behinderung ist angeboren. Sowohl motorisch als auch kognitiv ist er stark eingeschränkt. Er wohnt zuhause bei seinen Eltern. Tagsüber besucht er den Ganztag der Oberlinschule. Oft legt Therapeutin Sabine Suchy den Oberkörper des kleinen Jungen auf einen orange leuchtenden Pezziball und hält ihn darauf fest. Fast zwangsläufig nimmt Nico in dieser Stellung den Kopf hoch und schaut sich neugierig um. Ohne Pezziball und ohne Hilfe der Therapeutin würde ihm das nicht gelingen. „Wenn er den Kopf oben hält, nimmt er viel mehr von seiner Umgebung wahr und wird aufmerksamer“, erklärt Andreas Suchy. Es sind solche vermeintlich kleinen Dinge, die im Einzelfall große Wirkung haben, weil sie mehr Teilhabe am Leben ermöglichen.

Über 60 Prozent der Mädchen und Jungen an der Oberlinschule sind schwerstmehrfachbehindert – so viele wie an keiner vergleichbaren Schule. Diese Kinder brauchen Betreuung rund um die Uhr, müssen gefüttert und gepflegt werden. Ein Teil von ihnen wohnt im Oscar-Funcke-Haus direkt neben der Oberlinschule, der andere wird jeden Morgen mit dem Shuttle-Bus zuhause abgeholt. Für Nico gehört zu jedem Schultag eine Therapie-Einheit: Physiotherapie, Ergotherapie oder Logopädie – auch während der Ferien, wenn kein Unterricht stattfindet.

„Bei den Therapie-Angeboten sind wir sehr breit aufgestellt“, betont Rehabilitationsmediziner Dr. Michael Knobloch mit Blick auf die große Zahl an Schülern und deren unterschiedlichste Behinderungen. Dr. Knobloch untersucht alle Oberlinschüler regelmäßig. Er überprüft und verschreibt Verordnungen – zum einen für Therapien wie Bobath, Vojta, Osteopathie, Manuelle Therapie, Sensorische Integration oder Castillo Morales, zum anderen für Hilfsmittel wie Rollstühle oder Rollatoren. So ist ein hoher Versorgungs-Standard garantiert. 

Doch die Therapie-Möglichkeiten sollen künftig hochspeziell werden. Deshalb möchte die Schule mit Hilfe einer Spendenaktion u.a. ein besonderes Therapiegerät anschaffen, das Kindern wie Nico enorm hilft. Es ist ideal bei Bewegungsstörungen als Folge einer frühkindlichen Hirnschädigung. Die Therapie mit dem Gerät „Gallileo“ wird aber nicht von den Krankenkassen finanziert. Es erzeugt Schwingungen, die das Muskel- und Skelettsystem anregen. Wenn das Gerät bei Nico eingesetzt wird, stärkt das seine Gelenke, die aufgrund der schweren Behinderung extrem versteift sind. Als Folge davon verbessert sich seine Motorik.

Regelmäßig stimmen sich die Mitarbeiter der Therapie-Abteilung der Oberlinschule mit Lehrern und Betreuern ab. Welche Fortschritte sind zu erkennen? Verhält sich ein Kind merkwürdig, weil es krank ist? Oder macht es ein schmerverzerrtes Gesicht, weil der Rollstuhl zu klein geworden ist? „Teamarbeit steht bei uns absolut im Vordergrund“, sagt Dr. Knobloch. Und das aus gutem Grund: Weil viele Mädchen und Jungen gar nicht oder kaum sprechen können, ist im Umgang mit ihnen genaue Beobachtung und fachliche Erfahrung gefragt – und das über den ganzen Tag.

Nico spricht oft mit den Augen. Er kann Farben voneinander unterscheiden. Zeigt man ihm zum Auswählen einen Joghurtbecher mit Erdbeer- und einen mit Bananen-Geschmack, blickt er auf den gewünschten Becher und blinzelt. Ein großer Therapie-Erfolg wäre es, wenn er seine geliebten Spielzeugautos zumindest ein Stück weit selbst schieben könnte, ohne fremde Hilfe. In der Oberlinschule wird alles dafür getan, damit Nico das vielleicht bald schafft.

Verwandte Einträge