Der Arbeitswelt auf den Zahn gefühlt

Ein Auszubildender mit Behinderung des Berufsbildungswerks Volmarstein sammelt Berufspraxis am Lehrstuhl für Behindertenorientierte Zahnmedizin der Uni Witten/Herdecke.

Ein Betreuer bringt einen Menschen mit Behinderung zum Arzt. Dort angekommen, trifft der Patient auf einen freundlichen Helfer aus der Praxis. Der hat ebenfalls eine Behinderung.

Dieses besondere Szenario gehört am Lehrstuhl für Behindertenorientierte Zahnmedizin der Uni Witten/Herdecke zum Alltag. Denn neuerdings beschäftigt der Lehrstuhl regelmäßig einen Praktikanten mit Behinderung aus dem Berufsbildungswerk (BBW) Volmarstein. Die BBW-Azubis werden in die Abläufe der Zahnarzt-Praxis des Lehrstuhls eingebunden. Dort lernen Studenten, auf spezielle Belange von Patienten mit Behinderung einzugehen.

Philipp Kofler gehörte für neun Monate als Praktikant zum Praxis-Team. Er ist aufgrund einer angeborenen Spastik in seinen Bewegungen eingeschränkt. Das Praktikum war Teil seiner Ausbildung zum Kaufmann im Gesundheitswesen, die er im BBW Volmarstein absolviert. „Philipp war eine echte Hilfe“, sagt Lehrstuhl-Inhaber Prof. Dr. Andreas Schulte.

Patienten empfangen und verabschieden, am Telefon Termine für Patienten oder Studenten vergeben, Rezepte vorbereiten, Patienten-Statistiken erstellen – bei Philipp Koflers Aufgaben war Freundlichkeit und Sorgfalt gefragt. Klasse seien seine Kenntnisse bei Office-Programmen, hieß es mehrfach anerkennend. „Ich bin total nett aufgenommen worden“, berichtet der junge Mann. In der Cafeteria bot man ihm zum Beispiel an, sein Tablett zu tragen. „Aufgrund meiner Spastik bin halt ich ein wenig tollpatschig“, erklärt er.

Philipp Kofler hat viel über die Besonderheit der Behindertenorientierten Zahnmedizin erfahren: Bei seiner Gründung 2015 war der Lehrstuhl bundesweit der erste dieser Art. Grundpfeiler sind Lehre, Forschung und Patientenversorgung. Der Lehrstuhl betreut 220 Studenten. In der Zahnarztpraxis des Lehrstuhls arbeiten vier Zahnärzte.

„Man lernt, dass hinter der Zahnmedizin Menschen stehen“, sagt Philipp Kofler zu einer Erkenntnis seines Praktikums. Die Patienten mit Behinderung, die teilweise aus dem ganzen Bundesgebiet kommen, reagieren höchst unterschiedlich: Die einen benötigen im Zahnarztstuhl angesichts eines total mulmigen Gefühls Zuspruch, andere haben überhaupt keine Angst. Wenn Patienten nicht vom Rollstuhl in den Zahnarztstuhl gehoben werden können, werden sie direkt im Rolli  behandelt – etwa bei starken Rückgratverkrümmungen. Montags und freitags sind sogenannte „Narkosetage“. Dann kommen Patienten, bei denen eine Behandlung im wachen Zustand nicht möglich – z.B., weil sie aufgrund ihrer Behinderung nicht ausreichend „mitmachen“ können.

Die Entscheidung, die Praktikumsstelle auf Dauer mit einem jungen Menschen mit Behinderung zu besetzen, wurde bewusst getroffen. „Das ist mit Blick auf unseren Patienten-Kreis absolut authentisch“, so Prof. Dr. Andreas Schulte. Engagierte junge Leute wie Philipp Kofler bekommen so die Chance, wichtige Erfahrungen zu sammeln. „Externe  Praktika helfen unseren Auszubildenden, den Sprung auf den ersten Arbeitsmarkt zu schaffen“, berichtet Eugen Baginski. Er bildet in Volmarstein Kaufleute im Gesundheitswesen aus.

Mittlerweile gibt es einen Nachfolger von Philipp Kofler. Der „Neue“ kommt auch aus dem Volmarsteiner BBW. Philipp Kofler hat ihn selbst ein wenig eingewiesen – Fortsetzung einer inklusiven Erfolgsgeschichte.

Foto: Praktikant Philipp Kofler im Gespräch mit der Leitenden Helferin Maritta Bevilacqua.

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