Chefarzt-Interview zum Thema "Rheuma"

Der Chefarzt der Rheumaklinik, Priv-Doz. Dr. Martin Meyer im Interview

Priv.-Doz. Dr. med. Martin F. Meyer, Chefarzt der Rheumaklinik im Ev. Krankenhaus Hagen-Haspe GmbH, war Referent beim Hagener Gesundheitsforum.

In seinem Vortrag erläuterte er, dass im Rahmen vieler entzündlicher rheumatischer Erkrankungen nicht nur die Gelenke betroffen sind. Bei Autoimmunkrankheiten können körpereigene Strukturen fälschlicherweise als fremd eingestuft und durch die Bildung von Antikörpern zur Entzündung gebracht werden. Fast alle Organsysteme können betroffen werden: Nieren, Lunge, Herz, Augen, Gehirn und peripheres Nervensystem, Muskulatur, Blutkörperchen, Speichel- und Tränendrüsen, Nasennebenhöhlen, Magen-Darmtrakt, Gefäße,  Haut und Schleimhäute. Organbeteiligungen können nicht nur in späten Stadien der Erkrankungen auftreten, sondern auch erstes Symptom sein. Außer im Rahmen von Autoimmunerkrankungen können Organbeteiligungen bei entzündlichem Rheuma auch direkt durch Erreger von Infektionskrankheiten oder Kristalle z. B. bei der Gicht verursacht werden, die nicht nur zu Gelenkentzündungen führen.

 

Vor der Veranstaltung konnten dem Referenten bereits einige Fragen zu Rheuma gestellt werden. 

 

 

Fragen an Herrn Dr. Meyer:

  • Was ist es, was Sie an Ihrem Fachgebiet besonders reizt? 

Dr. Meyer:  Patienten mit rheumatologischen Erkrankungen haben sehr vielschichtige Probleme. Gerne stelle ich mich der Herausforderung, die häufig mehrere Organsysteme betreffenden Krankheiten zu diagnostizieren und zu therapieren. Zudem gehört die Rheumatologie zu den Fachgebieten, in denen man aufgrund der Chronizität der Erkrankungen Patienten oft über viele Jahre betreut, so dass man eine vertrauensvolle Zusammenarbeit aufbauen kann.

  • Rheumatische Erkrankungen sind höchst vielfältig und weit verbreitet. Worin ist dabei für Sie der medizinische Fortschritt erkennbar?

Dr. Meyer: Es gibt kaum ein anderes Fachgebiet, in dem in den letzten 20 Jahren eine derartige Fülle neuer Therapieansätze zum Einsatz kam. Insbesondere bei entzündlichen rheumatischen Erkrankungen können wir seit Einführung der Biologika äußerst gezielt medikamentös in das Autoimmungeschehen eingreifen. In diesem Jahr stehen Medikamente im Fokus, die durch ihren Einfluss auf die intrazelluläre Signalübertragung Entzündungen deutlich vermindern können. Die ersten Vertreter der sog. Januskinase-Hemmer sind bereits zugelassen.

  • Sehen Sie Möglichkeiten der Vorbeugung? Können einzelne Rheumaerkrankungen durch persönlichen Lebensstil verhindert, bzw. hinausgezögert werden? 

Dr. Meyer: Da die Auslöser vieler autoimmuner rheumatischer Erkrankungen unbekannt sind, lassen sich keine konkreten Empfehlungen für ihre Vermeidung geben. Wir wissen jedoch, dass Rauchen für Patienten mit rheumatoider Arthritis besonders schädlich ist, da es trotz erhöhtem Therapiebedarf den Verlauf der Erkrankung verschlechtert. Ausgeprägtes Übergewicht stellt insbesondere für die Hüft- und Kniegelenke eine erhebliche Belastung dar, die die Entstehung von Arthrose fördert. Gichtpatienten sollten auf eine purinarme Kost achten und Bier möglichst vermeiden. Von Patienten mit einem systemischen Lupus erythematodes ist eine längere ungeschützte Einwirkung von Sonnenlicht zu vermeiden, da es sonst zu einer Verstärkung der Krankheitssymptome kommen kann. An einem Fibromyalgie-Syndrom erkrankte Patienten sollten möglichst 3-4 mal pro Woche über 30-40-Minuten Ausdaueraktivitäten, z.B. Nordic Walking, Radfahren, Schwimmen oder Aquajogging durchführen und Entspannungstechniken (progressive Muskelentspannung nach Jacobson und autogenes Training) erlernen.

  • Was sind die Vorboten, die schon früh auf Rheumaerkrankungen hinweisen?

Dr. Meyer: Typisch für den Beginn einer entzündlichen Gelenkerkrankung sind innerhalb kurzer Zeit auftretende Schwellungen und Schmerzen meist mehrerer Gelenke, die auch in Ruhe vorhanden sind, mit einer Morgensteifigkeit einhergehen können und sich durch Kälteanwendungen oft lindern lassen. Bei den Kollagenosen, z.B. beim Lupus erythematodes, und den Gefäßentzündungen (Vaskulitiden) sind sie Krankheitszeichen sehr vieldeutig, so dass leider nicht selten viel Zeit zwischen den ersten Beschwerden und der Diagnosestellung vergeht. Da nahezu alle Organsysteme von diesen Erkrankungen betroffen werden können, sind die Symptome extrem vielfältig. Ein anfallsartiges Abblassen der Finger, trockene Augen, Hautverhärtungen und -geschwüre, Lähmungen, Halluzinationen, Muskel- und Gelenkschmerzen, Luftnot, Fieber, Nachtschweiß, Gewichtsverlust, ein blutiger Husten, Augenrötungen, punktförmige Blutergüsse , ein Hörsturz, Nasennebenhöhlenentzündungen, ein blutiger Schnupfen,  ein Herzinfarkt, ein Schlaganfall, die Ausscheidung von roten Blutkörperchen oder Eiweiß im Urin sind nur einige Beispiele.

  • Wenn Sie für die Veranstaltung einen Wunsch frei hätten, welcher wäre das?

Dr. Meyer: Wenn die Zuhörer nach dem Vortrag in der Lage wären, mögliche Hinweise auf eine entzündliche rheumatische Erkrankung früher erkennen zu können, ließe sich das Intervall zwischen Krankheits- und Therapiebeginn wesentlich verkürzen und die Prognose deutlich verbessern. 

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